WAHRHEITSHAUS


Das Haus sieht ein bisschen wie ein Stern aus. Im Innenhof wächst ein riesiger Baum, der aus lang vergangener Urzeit stammt und dessen Astlöcher einen wie Augen zu beobachten schienen, wenn man vorbeigeht.  Schon seit Jahrhunderten trägt er keine Früchte mehr, das ist ihm zu anstrengend, aber im Frühjahr ringt er sich zu einigen Blättern an den äußersten Astspitzen durch. Dieser Baum stand angeblich schon, als Gog der Steinzeitliche seinen aus rohen Fels gehauenen Thron bestieg. Nachdem Platz immer mehr zu einem Problem für den Fortgang der Bauarbeiten wurde, hat man das Haus der Wahrheit kurzerhand um den Baum herum gebaut. Im Haus selber sind pro Flügel achtzig kleine Zimmer, in denen jeweils ein großer Spiegel steht. Diese Spiegel sind alle verschieden, der eine zieht seinen Betrachter auseinander, der andere dünnt ihn ein wie einen Strich, einer macht kleiner, einer größer, einer dunkler, einer heller, einer änderte nur das Gesicht, läßt es feiner erscheinen, ein anderer intelligenter, einer macht schön, ein anderer jung - es gibt hunderte von Verzerrungen, vierhundertachtzig, um genau zu sein. Jeder kann sich einen Spiegel suchen, der ihm das wünschenswerteste Bild von sich zeigt, und dieses Bild kann er von nun an als das wahre Abbild seines Äußeren betrachten. Besonders nervöse Naturen wechseln häufig ihre Spiegelbilder. Es soll einmal einen sehr empfindsamen jungen Mann gegeben haben, der ein halbes Jahr lang jeden Tag sein Spiegelbild wechselte; an einem Tag glaubte er wie ein starker, strahlender Held auszusehen, am nächsten war er überzeugt, ein schwächlicher, kraftloser Junge zu sein. Es gab auch einmal eine Frau, die jede Stunde in das Haus rannte, um ein neues Selbstbild zu suchen, bis man sie gewaltsam in das Haus der beruhigenden Türme brachte, wo sie nach einer Weile aus ihrem irren Kreislauf wieder herausfand.
Im Vordergrund Cadiz auf dem Weg zu einer wichtigen Besprechung.

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